Feuchtgebiete
Charlotte Roche schreibt ein Buch und löst damit erneut die altbekannte Feminismusdebatte aus.
Ich habe das Buch gelesen und gebe nun auch meinen Senf dazu: Frau Roche berichtet sehr detailliert über alles alles alles was man sich auch nur im Entferntesten im Zusammenhang mit sämtlichen Körperöffnungen vorstellen kann. Ihr Ansatz ist, vereinfacht ausgedrückt: Frauen beschäftigen sich, im Gegensatz zu Männern, kaum mit ihrem eigenen Körper, sind dadurch verklemmt und haben weniger Selbstbewusstsein. Das Buch solle den Frauen Mut machen, sich nicht mehr den Erwartungen (in sexueller und hygienischer Hinsicht) von anderen zu unterwerfen, sondern auszuleben was sie wollen. Emanzipation auf körperlicher Ebene also.
Warum das Thema jetzt seit Wochen durch die Presse geht und was das alles mit Feminismus zu tun hat? Eine Frau schreibt über diese Dinge!! Hallo Skandal. Wer schon mal Bukowski oder Houellebecq gelesen hat weiß: bei denen ist auch nicht viel mit Kuschelkurs. Aber das sind Männer, bei denen erwartet man so was. Die übertriebene Beachtung (neulich: kichern des Radiomoderators bei verlesen des Wetterberichtes: „Feuchtgebiete, hihi”), die das Buch erfährt dürfte daher schon Beweis genug sein, dass Frau Roche im Kern nicht unrecht hat mit der Vermutung, dass da was nicht so ganz stimmen kann, mit dem Feminismus.
Zum Buch: Ein weiteres großes Thema neben Geschlechtsverkehr ist die Hygiene und die konsequente Verweigerung eben jener. Es wird provoziert und schockiert wo es nur geht, streckenweise wird es schon derbe eklig, aber das soll ja so, dafür lacht man an anderen Stellen umso mehr.
Rahmenhandlung: Erzählt wird aus der Sicht der 18 jährigen Helen. Sie ist, aufgrund einer Analfissur, im Krankenhaus und berichtet freimütig alles was ihr so durch den Kopf geht. Die verwendete Sprache ist sehr simpel gehalten, was den hohen Unterhaltungswert begünstigt.
Neben dem ganzen Schweinkram ist das in meinen Augen wirklich interessante Thema (wovon leider in kaum einer Rezension zu lesen war) wie Helen mit ihrer vergangenen und gegenwärtigen Familiensituation umgeht. Es wird schnell klar, dass sie zwar kein Blatt vor den Mund nimmt, auf emotionaler Ebene dagegen noch sehr kindlich ist. Die übermäßige Beschäftigung mit sexuellen Praktiken und Hygiene wirkt daher, im Zusammenhang mit Helens sonstigem Verhalten, eben nicht normal oder natürlich, sondern eher wie ein Versuch Einsamkeit und Verletzlichkeit zu kompensieren. Ich bezweifle daher, dass das Buch wirklich die Botschaft übermittelt, von der Charlotte Roche will das es das tut. Dies ist weniger ein Text, der zur Emanzipation beiträgt, sondern eher die Geschichte eines ungewöhnlichen Mädchens, das sich vor allem Liebe und Zuneigung wünscht.
Gesamturteil: sehr unterhaltsame, provozierende Charakterstudie, ich fände es jedoch viel spannender und auch sinnvoller mal drüber nachzudenken, was die Diskussion über dieses Buch zum Feminismus aussagt, statt der Frage was das Buch selbst dazu beiträgt.









Leave your response!